Über Babys, die gedeihen und Mütter, die verzweifeln
In der Babysprechstunde sitzt Vanessa vor mir. Neben ihr Ida, sechs Monate alt, ein blühendes, quietschvergnügtes Baby. Die Mutter dagegen sieht unglückloch, bleich und erschöpft aus. Zu meiner Überraschung sagt Vanessa: „Ich kann das nicht als Mutter. Ich versage!“ In diesem Moment stimmen Wirklichkeit und SElbstbild so gar nicht überein. Ich bin völlig überrascht.
Was ist eigentlich eine gute Mutter?
In Vanessas Welt offenbar eine, deren Baby nie schreit. Es schläft regelmäßig, wächst und gedeiht. Jeder Tag mit ihm ist einfach wunderschön. Die Mutter ist immer frisch geduscht und ausgeschlafen, backt das Brot selber und hat erstaunlich gute Laune.
Nur dieses Frau, dieses Baby existieren nicht in der Wirklichkeit, allenfalls auf Instagram oder Tiktok. Dort wird eine Mutterschaft propagiert, in der sich Frau selbst gefunden haben zwischen Stillkissen und Sauerteig. Das Leben einer Vollzeitmutter wie in den Fünfzigerjahren, als man Frauen aus der Arbeitswelt verbannte, damit die kriegsheimkehrenden Männer Arbeit bekamen, die während des Krieges von den Frau geleistet wurde.
Die Realität sieht jedoch anders aus: Oft reichen bei den hohen Mieten und Lebenshaltungskosten in den attraktiven Städten ein Gehalt nicht aus. Die Frauen müssen relativ rasch in den Beruf zurück. Manche sind auch froh der unbestreitbaren Langeweile mit einem Baby oder Kleinkind wenigstens stundenweise entkommen zu sein. Endlich mal eine Tätigkeit abschließen, einen Satz zu Ende sagen und mit Erwachsenen ein Gespräch führen, das nicht ständig unterbrochen wird.
Mutterschaft der einzige Job ohne Einarbeitung
Für unseren Beruf sind wir ausgebildet. Wir haben Abschlüsse, Zertifikate, Berufserfahrung. Und dann stehen wir plötzlich mit einem Neugeborenen da – ohne Handbuch.
Wickeln, Stillen oder Fläschchen geben, Ärmel anziehen, Knöpfe schließen, das Baby zum Schlafen bringen. Und auch selbst schlafen, sich anziehen, duschen, den Haushalt irgendwie zusammenhalten. Wie ein 24/7 Startup mit einem Chef, der einen ab und an anbrüllt. Wie gerne hätte man sich nach der Geburt erholt, das Baby so lange irgendwo geparkt, bis man sich bereit dafür fühlt. Stattdessen ist es rund um die Uhr da, egal, wie müde und kaputt man selber ist. Alles beginnt sofort und bleibt.
Das Baby ändert ständig die Spielregeln
Hat man endlich herausgefunden, wie man es am besten zum Schlafen bringt, ändert sein Entwicklungsschub alles. Neue Bedürfnisse, neue Empörung, wenn man sie nicht sofort begreift. Es wächst unentwegt aus seinen Sachen heraus. Die klein gewordenen Strampler stapeln sich im Schrank unn verstopfen den Platz für die neuen. Es brüllt die Brust an, weil es plötzlich mehr Milch zum Wachsen braucht. Es Nähe, dann Freiheit wenn es krabbelt im ständigen Wechsel. Es langweilt sich zu Hause, draußen ist alles wunderbar, bis es urplötzlich eine Angst vor Fremden entwickelt und Spaziergänge anstrengend werden. Wenn es krabbelt ist es tags ein großer Eroberer und hängt nachts an der Brust wie ein Neugeborenes, weil es tagsüber für seine Bindungsbedürfnisse keine Zeit fand. Dann wird die Mutter bewacht, ihr ständig Fluchtwünsche unterstellt, bis sie sie selber hat. Mutterschaft ist kein statischer Zustand sondern permanente Veränderung.
Wenn Schreien ans Herz geht
Ida schreit jeden Abend um 18:00 ein bis zwei Stunden. Vanessa läuft mit ihr herum, trägt sie,, wiegt, summt und fleht innerlich. Das Schreien trifft die Mutter ins Mark. Das ist der Sinn der Sache: Mütter dazu zubringen, sich auch dann um ein Baby zu kümmern, wenn sie selber lieber mal Zeit für sich hätten. stattdessen steigt ihr Stresspegel: unabdingbare Zuständigkeit plus hilflose Überforderung plagen Mütter häufig gegen Abend, wenn alle müde sind. Das sind die Momente wo Vanessa an sich zweifelt, sich selber zermürbt, sich für eine unfähige Mutter hält. Das ist sie nicht!
Babys schreien aus vielen Gründen. Gerade die hochsensiblen sind abends überreizt und wollen die innere Anspannung loswerden. Mühsam ist der WEg, ihnen zu helfen, sich mit der Zeit selber herunter zu regulieren. Es fällt uns so schwer, vorzustellen, dass schon kleine Babys ihre eigenen Probleme haben, die wir nicht für sie lösen können und an denen wir nicht schuld sind. wir können sie nur liebevoll bei ihrer Entwicklung begleiten. Neue Wege müssen sie selber finden und das tun sie den lieben langen Tag.
Vanessas Geschichte mit ihren großen Selbstzweifeln ist keine des Versagens, vielleicht eine Geschichte von zu hohen Idealen, zu großen Ansprüchen an sich selber. Mutterschaft ist Beziehung, Prozess, ständige Improvisation, ständige Kompromisse. Perfekt kann sie nicht sein.
Die leise Lösung
Vermutlich liegt die Entlastung von Müttern in einem unspektakulären Gedanken: „Es hat gar nicht so viel mit mir zu tun, wenn mein Baby schreit. Es ist ein eigener Mensch. Sein Schreien bewertete mich nicht als Mutter.“ Das Baby ist lebendig und fühlt ein großes Spektrum großer und kleiner Gefühle, die es noch nicht kennt.
Eine gute Mutter ist nicht die, deren Kind nicht schreit, sondern eine, die an seiner Seite bleibt, auch wenn sie zweifelt, wenn sie müde ist und es sich manchmal falsch anfühlt, weil das Baby noch zu klein ist, sich auch um die Bedürfnisse der Mutter zu kümmern. Das muss sie selbst tun und dafür braucht es Menschen um sie herum, die ihr dabei helfen. Ida wirkt meist zufrieden und gedeiht. Mehr muss nicht sein. Und es wird so nicht bleiben, es wird immer wieder anders werden, mit der Zeit leichter.
Autorin Dr. Dorothea Lenkitsch-Gnädinger März 2026